Herzerkrankungen beim Hund auf einen Blick
Herzerkrankungen betreffen etwa 10 % aller Hunde. In den meisten Fällen handelt es sich um im Laufe des Lebens erworbene degenerative Erkrankungen der Herzklappen oder des Myokards. Da Herzgeräusche häufig das erste klinische Anzeichen einer Herzerkrankung sind, kommt ihrer frühzeitigen Erkennung und Einstufung eine entscheidende Bedeutung für Diagnostik, Therapieplanung und Behandlungserfolg zu.
Arten von Herzerkrankungen bei Hunden
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Die häufigste Ursache für Herzprobleme bei Hunden ist eine Erkrankung der Herzklappen.1,2 Die Mitralklappenendokardiose (MMVD) führt zu einer degenerativen Verdickung und strukturellen Veränderung der Mitralklappe. Dadurch kommt es zu einem unvollständigen Schluss der Klappensegel, sodass Blut während der Systole aus dem linken Ventrikel in den linken Vorhof zurückströmt (Mitralinsuffizienz). MMVD tritt vor allem bei kleinen Hunderassen auf, beispielsweise beim Cavalier King Charles Spaniel, Boston Terrier, Chihuahua, Fox Terrier, Zwergpinscher, Pudel, Pekinesen, Zwergspitz (Pomeranian) und Whippet.
Ein zentrales klinisches Zeichen ist ein linksapikal betontes systolisches Herzgeräusch, das durch die Mitralinsuffizienz verursacht wird.1 Die MMVD ist eine voranschreitende Erkrankung, die bei einem erheblichen Anteil der betroffenen Hunde zur Entwicklung einer kongestiven Herzinsuffizienz führt.4 Unbehandelt ist sie mit einer hohen Mortalität verbunden, wobei diese typischerweise innerhalb von 6 bis 14 Monaten nach Auftreten klinischer Symptome eintritt.5
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Bei der dilatativen Kardiomyopathie (engl. dilated cardiomyopathy, DCM) ist die Funktion der Herzmuskelzellen (Kardiomyozyten) gestört, was zu einer verminderten Kontraktilität des Herzmuskels führt. Infolge dieser systolischen Dysfunktion kommt es zu einer Dilatation der Herzkammern, insbesondere des linken Ventrikels. Das Herz vergrößert sich, und die Herzwände erscheinen ausgedünnt und überdehnt.
Durch die Erweiterung des Klappenrings (Anulus) kann es zu einer Insuffizienz der Mitralklappe kommen, wodurch Blut zurück in den linken Vorhof strömt (Mitralregurgitation) und ein systolisches Herzgeräusch entsteht.
Die Erkrankung schreitet in der Regel rasch voran und führt häufig zu Herzinsuffizienz. DCM betrifft überwiegend große Hunderassen6,7, vor allem Dobermann, Deutsche Dogge, Afghanischer Windhund, Boxer, Cocker Spaniel, Dalmatiner, Irische Wolfshunde, Neufundländer, Bernhardiner und Schottisch Deerhound.
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Angeborene Herzerkrankungen bei Hunden (engl. Congenital heart disease, CHD) umfassen strukturelle Fehlbildungen des Herzens oder der großen Gefäße, die bereits bei der Geburt vorhanden sind. Sie entstehen durch Störungen der normalen Herzentwicklung während der Embryonalphase.
Obwohl angeborene Herzerkrankungen (CHD) insgesamt relativ selten sind (ca. 1,6 % der Hunde), handelt es sich um klinisch bedeutsame Erkrankungen. Zu den häufig berichteten Formen zählen unter anderem die Pulmonalstenose (PS), die Subaortenstenose (SAS) sowie der persistierende Ductus arteriosus (PDA).8
Typische klinische Anzeichen sind Lethargie, verminderte Belastbarkeit, Husten und Synkopen. Diese Symptome treten in der Regel bereits bei Welpen oder jungen Hunden auf.
Einstufung von Herzgeräuschen
Herzgeräusche werden in der Regel anhand ihrer Intensität auf einer Skala von 1 bis 6 eingestuft (Levine-Skala). Für die Entwicklung von CANINEBEAT® AI wurde im Sinne einer besseren Anwendbarkeit im Praxisalltag eine vereinfachte* Form dieser Skala verwendet.

*Die Levine-Skala klassifiziert Herzgeräusche in sechs Grade. Prof. Wess, Prof. Häggström und Assoc. Prof. Ljungvall haben diese Skala in Form von drei Kategorien vereinfacht.
**Die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen eines Stadiums B1 beträgt 95 %.9
Hunde mit klinisch relevanter Kardiomegalie im Rahmen einer myxomatösen Mitralklappenerkrankung (MMVD) weisen typischerweise „mittelgradige“ bis „laute“ Herzgeräusche (Grad ≥ 3/6) auf.10
Herausforderungen bei der Erkennung von Herzgeräuschen
Schwer hörbare Herzgeräusche:
Viele Herzgeräusche sind nur schwach ausgeprägt und treten teilweise in Frequenzbereichen auf, die unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegen.11 Dadurch können sie im Rahmen von Routineuntersuchungen leicht unentdeckt bleiben – insbesondere bei hohem Patientenaufkommen, erhöhter Umgebungslautstärke oder unruhigen Patienten. Da Frühstadien von Herzerkrankungen häufig asymptomatisch verlaufen, bleiben leise Herzgeräusche nicht selten unbemerkt und damit ohne weiterführende Abklärung.
Übersehene Herzgeräusche:
Studien aus der Humanmedizin zeigen, dass die Sensitivität der konventionellen Auskultation zur Erkennung hörbarer valvulärer Herzerkrankungen nur etwa 41 % beträgt.12 Insbesondere leise Herzgeräusche bleiben daher häufig unentdeckt.
Auch in der Veterinärmedizin scheint die Detektion von Herzgeräuschen maßgeblich von der Erfahrung der untersuchenden Person abzuhängen. Vor allem weniger erfahrene Tierärztinnen und Tierärzte sowie Allgemeinpraktiker stehen hierbei vor besonderen Herausforderungen.
So zeigte eine Studie, dass frisch approbierte Tierärztinnen und Tierärzte mit weniger als einem Jahr Berufserfahrung etwa jedes zweite Herzgeräusch überhörten.13 Eine weitere Untersuchung ergab, dass praktizierende Tierärzte 96 von 97 leisen Herzgeräuschen bei klinisch unauffälligen Welpen nicht dokumentierten, während diese von einem Kardiologen erkannt wurden.14
Höhere Detektionsraten wurden dagegen bei erfahreneren Untersuchenden beobachtet: In einer Studie mit Kardiologen, Überweisungstierärztinnen und –tierärzten, Berufsanfängern und Veterinärstudierenden verpassten 25 bis 75 % der Berufsanfänger systolische Herzgeräusche.15

Quellen: 1. Atkins C, Bonagura J, Ettinger S, et al. Guidelines for the diagnosis and treatment of canine chronic valvular heart disease. J Vet Intern Med. 2009;23:1142–1150. 2. Guglielmini C. Cardiovascular diseases in the aging dog: diagnostic and therapeutic problems. Vet Res Commun. 2003;27 Suppl 1:555–560. 3. Rush JE. Chronic valvular heart disease in dogs. Proceedings from the 26th Annual Waltham Diets/OSU Symposium for the Treatment of Small Animal Cardiology; 19.–20. Oktober 2002. 4. Keene BW, Atkins CE, Bonagura JD, et al. ACVIM consensus guidelines for the diagnosis and treatment of myxomatous mitral valve disease in dogs. J Vet Intern Med. 2019;33:1127–1140. 5. Borgarelli M and Buchanan JW. Historical review, epidemiology and natural history of degenerative mitral valve disease. J Vet Cardiol 2012;14(1):93–101. 6. O’Grady MR, Minors SL, O’Sullivan ML, Horne R. Effect of pimobendan on case fatality rate in Doberman pinschers with congestive heart failure caused by dilated cardiomyopathy. J Vet Intern Med. 2008;22:897–904. 7. Ware WA. Cardiovascular Disease in Small Animal Medicine. Ames, IA: Blackwell Publishing Professional; 2007. 8. Lucina SB, Sarraff AP, Wolf M, et al. Congenital heart disease in dogs: A retrospective study of 95 cases. Topics Compan Anim Med 2021;43. 9. The Listen Study. 2026. Publikation eingereicht. 10. Ljungvall I, Rishniw M, Porciello F, et al. Murmur intensity in small-breed dogs with myxomatous mitral valve disease reflects disease severity. J Small Anim Pract. 2014;55:545-50. 11. Ljungvall I, Ahlstrom C, Höglund K, et al. Use of signal analysis of heart sounds and murmurs to assess severity of mitral valve regurgitation attributable to myxomatous mitral valve disease in dogs. Am J Vet Res. 2009;70:604-613. 12. Rancier MA et al. Abstract 13244: Real world evaluation of an artificial intelligence enabled digital stethoscope for detecting undiagnosed valvular heart disease in primary care. Meeting Abstract: American Heart Association 2023 Scientific Sessions and the American Heart Association 2023 Resuscitation Science Symposium. Circulation. 2023;148 (Suppl 1). 13. Pedersen HD, Haggstrom J, Falk T, et al. Auscultation in mild mitral regurgitation in dogs: observer variation, effects of physical maneuvers, and agreement with color Doppler echocardiography and phonocardiography. J Vet Intern Med 1999;13:56-64. 14. van Staveren MDB, Szatmari V. Detecting and recording cardiac murmurs in clinically healthy puppies in first opinion veterinary practice at the first health check. Acta Vet Scand 2020;62:37. 15. Mullowney D, Fuentes VL, Barfield D. Cardiac auscultation skills in final year veterinary students and recent veterinary graduates, referral hospital veterinary surgeons and veterinary cardiologists or cardiology residents. Vet Rec 2021;189:e305.